Leichtathletik - Sprunger holt als erste Schweizerin EM-Gold

Die Westschweizerin ist Europameisterin über 400 m Hürden

Lea Sprunger gewinnt EM-Gold

Lea Sprunger hielt über 400 m Hürden dem Druck stand. Die 28-jährige Waadtländerin erfüllte sich den Gold-Traum. Sie ist die erste Schweizer Europameisterin. Leer aus ging Selina Büchel im EM-Final über 800 m. Die Toggenburgerin brach auf der Zielgeraden ein und beendet das Rennen auf dem 7. Platz.

Nach dem Zieleinlauf schrie Sprunger ihre Freude laut heraus, ehe sie sich in eine Schweizer Fahne gewickelt auf die Ehrenrunde machte. Nach EM-Bronze vor zwei Jahren in Amsterdam hatte die Romande vor 48'500 Zuschauern im Berliner Olympiastadion dem Druck als Favoritin auf beeindruckende Art und Weise standgehalten.

Sprunger bescherte Swiss Athletics die siebte Goldmedaille in einer Einzeldisziplin an Europameisterschaften und die achte insgesamt. In der deutschen Hauptstadt war es für die Schweiz der zweite Podestplatz nach dem 3. Rang von Alex Wilson über 200 m am Donnerstagabend. Über 400 m Hürden sicherte Sprunger ihrem Land bereits die fünfte EM-Medaille, die zweite goldene nach jener von Kariem Hussein 2014 in Zürich.

Mit 54,33 Sekunden, der zweitbesten Zeit ihrer Karriere, distanzierte Sprunger die zweitplatzierte Ukrainerin Anna Ryschikowa um 18 Hundertstel. Die eigene Saisonbestleistung verbesserte sie um 46 Hundertstel, was unterstreicht, dass sie auf den Punkt genau in Topform war. "Es ist das Resultat meiner ganzen interessanten Karriere mit schönen und schlechten Sachen", bilanzierte Sprunger. "Ich habe die ganze Saison sehr gut gearbeitet, es ist unglaublich."

Sprunger ging als Führende auf die Zielgeraden. Sie sei gut gestartet und habe sich auf ihren Lauf fokussiert, sagte sie. Die letzte Hürde sei sie allerdings etwas hektisch angegangen. Dennoch liess sie sich den Sieg nicht mehr nehmen. Bronze ging an die Britin Meghan Beesley (55,31).

Nun kann Sprunger unbeschwert ein nächstes Ziel in Angriff nehmen, nämlich den Schweizer Rekord von Anita Protti aus dem Jahr 1991 zu tilgen. Dieser steht bei 54,25 Sekunden, wobei Sprungers Bestzeit 54,29 beträgt. "Sie hat das Potenzial für eine Zeit von unter 54 Sekunden", ist Trainer Laurent Meuwly überzeugt.

Mut wurde belohnt
Es braucht Mut, EM-Gold als klare Vorgabe herauszugeben, da man dann daran gemessen wird. Es zeugt jedoch vom neuen Selbstverständnis von Sprunger, die viel mit einer Mentaltrainerin gearbeitet hat. Nach den grossen Enttäuschungen an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro (Out im Vorlauf) und den Hallen-Europameisterschaften in Belgrad (5. über 400 m), nach denen sie sich fragte, ob sie für diesen Sport gemacht sei, suchte sie per Hypnose im Unterbewusstsein nach Gründen für die Enttäuschungen. Das zeigte ihr, wo das Problem liegt.

Mittlerweile hat Sprunger nicht mehr wie früher Angst vor den Konkurrentinnen, sondern glaubt sie an die eigenen Stärken. Bereits vor einem Jahr an den Weltmeisterschaften in London überzeugte sie mit dem 5. Platz. Das half fürs Selbstvertrauen. Für Meuwly ist ein weiterer entscheidender Teil für den Erfolg, dass sie seit ein paar Jahren gesund sei. Dies führt er auf die richtige Balance zwischen hartem Training und physischer sowie mentaler Erholung zurück. "Sie ist eine erfahrene Athletin, weiss nun genau, was für sie gut ist", sagte Meuwly. Raum für Improvisationen gibt es kaum, es wird analysiert und optimiert.

Gab es im Training Anpassungen? "Wir versuchen immer, neue Reize zu setzen, aber der rote Faden und die Philosophie bleiben gleich", so Meuwly. Die Wettkampfplanung war zu Beginn der Saison aber anders wie in den letzten Jahren. Die ersten beiden Rennen über 400 m Hürden absolvierte sie an den Diamond-League-Meetings in Rom (56,38) und Oslo (55,07). "Das war eine neue Konstellation für sie", erklärte Meuwly. Der Saisonbeginn sei nicht einfach für sie gewesen, habe aber geholfen.

Sprunger läuft erst seit 2015, mit Ausnahme eines Test im Jahr 2010, über 400 m Hürden, eine Disziplin, für die sie aufgrund ihrer langen Beine prädestiniert ist. Zu Beginn der Karriere war sie eine Mehrkämpferin. Von 2012 bis 2014 startete sie vorwiegend über 100 und 200 m. Allerdings hatte Meuwly schon davor den Plan, aus ihr eine Langsprinterin zu machen - sie ist auch über 400 m flach die Nummer 1 in Europa in diesem Jahr. Der clevere Aufbau hat sich also ausbezahlt.

Selina Büchel geht leer aus
Nicht für ihren Mut belohnt wurde Selina Büchel im Final über 800 m. Weil Büchel nicht hinter der Britin Lynsey Sharp (6.) laufen wollte, da sie sich in dieser Position nicht wohl fühlte, war sie "plötzlich" zuvorderst, obwohl sie das so nicht geplant hatte. Die Ostschweizerin führte das Rennen bis zur Zielgeraden an, ehe ihr die Kräfte ausgingen. "Ich wollte eine gute Position haben und nicht eingeklemmt sein", sagte Büchel. Die 27-jährige Büchel belegte schliesslich in 2:02,05 Minuten den 7. Platz.

Die ersten 400 m passierte sie in 59,31 Sekunden. Das war angesichts der aktuellen Form zu schnell. Ausserdem sei sie zu wenig konsequent locker geblieben, erklärte Büchel. Sie gab zwar zu, dass sie es anders machen würde, wenn sie eine zweite Chance erhalte würde, dennoch hielt sich ihr Ärger in Grenzen, da sie ihrer Intuition gefolgt sei. "Ich bin eine vielseitige Läuferin geworden und kann mit verschiedenen Rennsituationen umgehen", so Büchel. An den Weltmeisterschaften in Peking habe sie eines ihrer besten Rennen von der Spitze aus gemacht.

Zwar gaben Büchel die Leistungen im Vorlauf und im Halbfinal viel Selbstvertrauen, dennoch konnte sie nicht kaschieren, dass in der EM-Vorbereitung nicht alles nach Wunsch verlaufen war. Im Juli machte ihr eine hartnäckige Erkältung zu schaffen, weshalb sie Rennen absagen musste. "Die fehlende Topform hängt sicher auch mit den Problemen in den letzten Wochen zusammen", sagte Büchel. Sie habe sie jedoch nicht gross Gedanken darüber gemacht, habe einfach alles gegeben.

Somit muss Büchel weiter auf den ersten EM-Podestplatz im Freien warten, nachdem sie vor zwei Jahren in Amsterdam Vierte geworden war. In der Halle dagegen wurde sie schon zweimal Europameisterin. In Berlin sicherte sich die Ukrainerin Natalia Pryschtschepa (2:00,38) vor der Französin Renelle Lamote (2:00,62) und Landsfrau Olga Ljachowa (2:00,79) den Titel.

Quelle: sda

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