Welche Zahlen noch zählen

Verwirrende Coronastatistik wegen verpasster Modernisierung

Daniel Koch, 64, Leiter Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit BAG.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) aktualisiert fortgehend, wie viele Coronafälle zurzeit vorliegen. Doch es existieren Ziffern, die sich nicht mit den aktuellen Angaben des Bundes decken. Was das BAG ungenau dokumentiere, gehe auf verschiedene Probleme zurück aber vor allem auf die verpasste Modernisierung. Das behauptet das Onlinemagazin «Republik».

In der Schweiz sind bisher 8060 Personen infiziert und 70 sind gestorben. So die aktuellen Zahlen, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Montag, 23. März 2020, veröffentlicht hat. Laut «Tamedia» dürfte die Anzahl Todesfälle schon bei 118 liegen.

Elektronisches Meldesystem hinkt hinterher

Die Tests in der Schweiz führen Labore, Spitäler und Ärzte durch. Wird eine Person positiv getestet, informieren die Praxen das BAG. Die Ärzte drucken und füllen dafür ein Meldeformular aus und faxen es ans BAG. Aus diesen Meldungen stellt das BAG die Statistik zusammen. Die Labore müssen die Befunde in zwei Stunden übermitteln, deshalb ist dort der Versand auch elektronisch möglich. Weil nicht alle Praxen für die Digitalisierung gerüstet sind, geschieht dies auch oft per Fax.

Daniel Koch, Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten beim BAG, bestätigt in einer Pressekonferenz vom 20. März 2020, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen noch nicht weit fortgeschritten sei. Das Problem kenne man.

Daten-Chaos überfordere BAG

Wie viele Personen insgesamt getestet wurden, wie viele davon positiv oder negativ, das kann das BAG bisher nur ungefähr einschätzen, das behauptet das Onlinemagazin «Republik» gestützt auf Eigenrecherchen.

Man habe sich mit verschiedenen Mitarbeitern ausgetauscht, die von einer «überholten IT-Infrastruktur» und von einer «Papier­schlacht wie in einem Film der 1980er-Jahre» berichten.

Weil das BAG im Verzug sei mit der Erfassung der Fallzahlen, würde es die Zahlen nur schätzen, indem Papier­stapel von Formularen auf eine Waage gelegt würden.

«Es ist auch nicht wahr, dass wir etwas mit einer Waage messen und schätzen», kontert Koch in der Pressekonferenz vom Freitag. Man habe den Rückstand inzwischen eingeholt.

Anzahl der Geheilten unklar

Auch gibt das BAG keine Zahlen raus, wie viele Personen sich von der Erkrankung erholt haben. In der Pressekonferenz, vom 17. März 2020, erklärten die Experten des Bundes: In der Schweiz würden geheilte Fälle nicht mehr erfasst, weil es viele Erkrankte gibt, die zu Hause genesen konnten.

Trotzdem: 131 Personen seien geheilt – wenn man Wikipedia glauben darf. Diese Zahl setzt sich wohl aus den Angaben der Kantone zusammen, die mit Tagesbulletins immer die aktuellen Zahlen liefern.

BAG-Arbeiter auf Wikipedia informiert

Das Magazin Republik wirft dem BAG vor, in vielen Fällen wisse das Amt nicht, ob eine positiv getestete Patientin wieder genesen sei. BAG-Mitarbeitende hätten die Todesfälle und die Anzahl geheilten Patienten durch die Presse erfahren oder auf Wikipedia gelesen.

Dass die Mitarbeiter teilweise über Wikipedia von Todesfällen erfahren hätten, streitet der BAG-Mediensprecher Daniel Dauwalder nicht ab. Gegenüber der «NZZ» sagt Dauwalder nur: «Ein Todesfall muss innerhalb von 24 Stunden gemeldet werden und wird am gleichen Tag erfasst.»

Zahlen des Bundes sind korrekt, aber unvollständig

Nach wie vor gelten die Zahlen des Bundes als offiziell und sind somit entscheidend für die Coronastatistik. Klar ist aber auch: Die Zahlen widerspiegeln nie ganz die Realität und die Dunkelziffer dürfte höher ausfallen. Vor allem die Anzahl der geheilten Personen.

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